Bund für Freies Christentum

Auf der Suche nach neuen Wegen

Die Grundsätze

Der Bund für Freies Christentum (1995)

Aussagen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 1995 in Hamburg
(von Wolfram Zoller, abgedruckt in: "Freies Christentum" Nr. 5, 1995)


Der Bund für Freies Christentum ist eine Vereinigung von Menschen, die sich unterwegs sehen zu einem freiheitlich engagierten Christsein:

Frei von der Fesselung durch Glaubensformen (Dogmen)  vergangener Zeiten,

In Ausrichtung auf den Gott, den wir bei Jesus als  befreiende Liebe erfahren,

Frei von Glaubenszwängen aller Art,

Im Ernstnehmen echter - eigener wie fremder - religiöser  Erfahrung,

Frei von autoritären religiösen Herrschaftsstrukturen,

In Förderung menschlicher wie religiöser   Selbständigkeit und Mündigkeit,

Frei von bibelvergötzendem Buchstabenglauben,

Im engagierten Hören auf die zentrale Botschaft der   Bibel vom anbrechenden Gottesreich,

Frei von geistlosem und sektiererischem Fanatismus,

In intellektueller Redlichkeit und ohne   Schablonendenken,

Frei von der Gängelung durch das bloß Gewohnte,

Im Suchen nach neuen Möglichkeiten den Glauben zu  erfahren, auszudrücken und zu leben,

Frei von Berührungsängsten vor dem Fremden in anderen  Menschen und Kulturen,

In Liebe zu allen Menschen als solchen, in denen Gottes  Geist lebendig sein will,

Frei von intoleranten Absolutheitsansprüchen,

In dialogischer Offenheit für Menschen anderen   Glaubens,

Frei von missionarischer Vereinnahmung der anderen,

Im Bemühen, voneinander zu lernen und den Reichtum des  Glaubens gegenseitig auszutauschen,

Frei von der Furcht vor neuen Entwicklungen,

Im Sich-Ausstrecken nach neuen Stufen der menschlichen  Evolution,

Frei von dem Irrtum, der Mensch sei das Maß aller   Dinge,

In tätiger Ehrfurcht vor der ganzen Schöpfung,

Frei von der aggressiv, depressiv oder gleichgültig  machenden, immer aber zerstörerischen Kapitulation vor dem sinnlosen Nichts,

Im freimachenden und aktivierenden Vertrauen auf die Macht Gottes, in dem alles seinen Sinn hat und in dem wir unbedingt bejaht   sind.
  
  
  

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Leitsätze des Bundes für Freies Christentum (1982)

Der Bund für Freies Christentum sieht seine Aufgabe darin, eine Form christlichen Glaubens zu vertreten und zu fördern, die dem Bewusstsein der Freiheit und Selbstverantwortlichkeit angemessen ist, das sich im Verlauf der Neuzeit als unverzichtbare Grundlage wahrer Menschenwürde herausgebildet hat. Er steht mit dieser Zielsetzung in einer Tradition freien Christentums, die - um nur eine knappe Auswahl zu nennen - durch Namen wie Gotthold Ephraim Lessing, Friedrch D. E. Schleiermacher, Adolf von Harnack, Rudolf Otto, Albert Schweitzer, Gustav Mensching und Paul Tillich charakterisiert werden kann. Freies Christentum in diesem Sinne betrachtet sich als legitime Fortführung der Reformation, sofern diese ein religiöser Freiheitsimpuls war: der Durchbruch zu einem persönlich verantworteten Glauben in subjektiver Wahrhaftigkeit, aber auch intellektueller Redlichkeit.

In der Vergangenheit hatte freies Christentum vordringlich anzugehen gegen die Tendenz zur Einschließung des Glaubens in ein orthodoxes Lehrsystem, gegen Bekenntniszwang und dogmatische Bevormundung und Gängelung. Dieses Anliegen wird heute erfreulicherweise mehr und mehr in Theologie und Kirche anerkannt und aufgenommen. Es bleibt jedoch auch in Zukunft eine Aufgabe freien Christentums, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Bekenntnisse der Kirchen nicht zu einem tötenden Lehrgesetz erstarren dürfen. So fordert etwa der unkritische Gebrauch des "Apostolischen Glaubensbekenntnisses" nach wir vor zum Widerspruch heraus.

Im Kampf gegen jede Art von dogmatischer Bevormundung des auf Mündigkeit angelegten christlichen Glaubens sah und sieht der Bund für Freies Christentum eine erste und unaufgebbare Zielsetzung. Daneben stand jedoch von Anfang an gleichgewichtig das Ziel einer religiösen Erneuerung aus dem Geist der Freiheit. Der Bund für Freies Christentum verstand und versteht sich deshalb zugleich als Raum für die Entfaltung religiösen Lebens in persönlicher Erfahrung, im Austausch unter gleichgesinnten Freunden, im Suchen nach neuen Formen gemeinsamer religiöser Feier. Diese positive Seite seiner Zielsetzung wird in Zukunft noch stärker den Mittelpunkt der Arbeit des Bundes bilden.

Er wird dabei offen sein für alle Impulse, die zur Erneuerung religiösen Lebens aus innerer Freiheit beitragen können. Im Besonderen sieht der Bund sich herausgefordert dadurch, dass heute neue religiöse Bewegungen aufbrechen aus Quellen, die zum großen Teil außerhalb der Tradition freien Christentums - und des Christentums überhaupt - liegen, während zugleich die Weltreligionen verstärkt in unser Blickfeld treten. Die verfassten Kirchen zeigen sich kaum in der Lage, auf diese Herausforderungen angemessen zu antworten; das religiöse Suchen vor allem der jüngeren Generation wird von ihnen eher kritisch und mit Abwehr registriert.

Um freies Christentum in überzeugender Weise als Antwort auf die Herausforderungen der Gegenwart sichtbar zu machen, wird der Bund für Freies Christentum vor allem den folgenden Impulsen und Leitgedanken in sich Raum geben, ohne dass der Einzelne damit auf bestimmte Anschauungen festgelegt wird:

1. Religion, auch die christliche, ist in erster Linie persönliche Erfahrung. Gegenüber allen pseudo-rationalen dogmatischen Systemen vertritt freies Christentum das Recht des religiösen Erlebens als Grundlage einer ganzheitlichen Religiosität. Im Besonderen wendet es seine Aufmerksamkeit jener Tiefenerfahrung zu, die durch die verschiedenen Formen mystisch-meditativer Religiosität erschlossen wird. Das Stichwort "Allein aus Glauben" der Lutherischen Rechtfertigungslehre hat in der protestantischen Theologie weithin dazu geführt, solche Tiefenerfahrung als "Selbsterlösung" zu verwerfen und Mystik innerhalb des Christentums zu einer illegitimen Form der Glaubensverwirklichung zu erklären. Meditation, Versenkung wird nur toleriert, wenn sie sich in Wort und Bild an konkrete Glaubensinhalte anschließt. Freies Christentum greift über die durch historische Frontstellungen bedingte Position Martin Luthers zurück auf die Paulinische Theologie, in der rechtfertigender Glaube und "Christusmystik" in einem ausgewogenen Verhältnis gegenseitiger Ergänzung stehen. Es sieht sich durch Paulus und die große Tradition christlicher Mystik von Meister Eckart bis Gerhard Tersteegen dazu ermutigt, die mystische Tiefenerfahrung als eine besonders dem neuzeitlichen Bewusstsein angemessene Form religiöser Erfahrung zu beachten und zu pflegen.

2. Religiöse Erfahrung steht auch immer in Zusammenhang mit Einsichten, wie sie heute im Rahmen empirischer Wissenschaften wie der Tiefenpsychologie gewonnen werden und die unser Menschenbild in unvorhergesehenem Maße erweitern. Tiefenpsychologie, wie C. G. Jung sie uns sehen gelehrt hat, ist weit mehr als eine Methode zur Heilung seelischer Erkrankungen, der so genannten Neurosen. Sie zielt auf den Ausgleich von Fehlentwicklungen, von denen mehr oder weniger jedermann innerhalb der modernen, einseitig intellektuell und technisch ausgerichteten Kultur betroffen ist. Sie zeigt, dass menschliche Freiheit und Selbstverwirklichung bedroht sind, wo das Individuum sich gegen die Kräfte, die sein Bewusstsein transzendieren, verschließt. Sie darf deshalb als ein Weg zu erneuerter religiöser Erfahrung angesehen werden und weist zugleich auf den engen Zusammenhang von Religion und Selbstfindung hin. Insofern verdient sie Beachtung im Rahmen der Bemühungen um neue Formen freien Christentums.

3. Tiefenpsychologie und Vergleichende Religionswissenschaft lassen uns auch die Welt der Religionen in einem neuen Licht erscheinen. Unter der Oberfläche widerstreitender Gottesbilder und Glaubensvorstellungen wird die enge Verbindung, ja Einheit der Religionen in der Dimension der Tiefenerfahrung sichtbar. Die Besonderheit der einzelnen Religion wird dadurch nicht etwa aufgehoben. In jeder der großen Religionen, die für ein unbefangenes Urteil sämtlich auf Offenbarung zurückgehen, kommt ein bestimmter Aspekt der Religion - des Göttlichen bzw. menschlicher Gotteserfahrung - in besonderer Weise zum Ausdruck. Die Religionen sind deshalb auf Ergänzung angelegt. Freies Christentum sucht den Dialog mit Vertretern anderer Religionen, um von ihnen zu lernen, wo die eigene Religion solcher Ergänzung bedarf. Gerade wer überzeugt ist, im Christentum die Religion der "Erfüllung" zu haben, wird sich gerne darauf hinweisen lassen, wo er in seiner religiösen Verwirklichung hinter dem eigenen Anspruch zurückbleibt.

4. Wie der Welt der Religionen, so begegnet freies Christentum auch der Vielzahl christlicher Konfessionen und Glaubensrichtungen mit grundsätzlicher Offenheit und Toleranz. Es sucht das Gespräch mit allen Richtungen und betrachtet die Pluralität der Ausprägungen christlichen Glaubens als beständige Aufforderung, Einseitigkeiten im eigenen Verständnis dieses Glaubens zu überwinden. Freies Christentum sieht alle Richtungen des Christentums geeint durch die Beziehung auf seinen Stifter, Jesus von Nazaret. Im Verständnis seiner Person und seines Werkes legt es niemand auf eine bestimmte Anschauung fest. Freies Christentum sieht sowohl in der Nachfolge des historischen Jesus von Nazaret und dem Bemühen um die "Sache Jesu" als auch in der Verehrung des Christus als des uns zugewandten Angesichtes des verborgenen Gottes (kosmischer oder mystischer Christus) legitime Formen des Christentums.

5. Für ein freies Christentum ist es selbstverständlich, dass Religion als persönliche Tiefenerfahrung zu Konsequenzen im praktischen und gesellschaftlichen Leben drängt. Es kann sich jedoch nicht an bestimmte ethische Normen oder politische Ziele binden. Die Achtung vor der Freiheit und Würde des Menschen und die Ehrfurcht vor dem Leben gilt ihm zwar als unabdingbar, aber wie alle sittlichen Forderungen haben sie nur einen Sinn, wenn sie nicht als Gesetz kodifiziert, sondern aus eigener Freiheit gelebt werden. Das schließt ein, dass der eine aus diesen Grundsätzen andere konkrete Folgerungen ziehen wird als ein anderer. Der eine wie der andere jedoch können sich darin einig sein, dass jeder, der sich auf den Weg religiöser Erfahrung begibt, dadurch eine Umwandlung erfährt, die in sein äußeres Leben hinein ausstrahlt. Freies Christentum kennt an diesem Punkt keine Stellvertretung: Jeder, der Religion hat, wird mit seiner ganzen Existenz zum Zeugen dessen, was er empfangen hat.

6. Religiöse Erfahrung drängt nicht nur zur Tat, sie sucht auch Ihre Erfahrungen erkennend zu verarbeiten. Die Geschichte des Christentums wird seit den frühesten Zeiten begleitet von den unterschiedlichsten Versuchen, Glauben und Wissen auszusöhnen. Freies Christentum weiß sich in besonderem Maße dieser Aufgabe verpflichtet. Es wird deshalb Entwicklungen der Wissenschaft aufmerksam verfolgen, durch die verfestigte Fronten in Bewegung kommen, z.B. auf dem Gebiet der Mikrophysik, der Evolutionstheorie und der Hirnforschung. Es ist darüber hinaus aufgeschlossen für die Forschungen einer methodisch abgesicherten Parapsychologie und sucht auch unvoreingenommen das Gespräch mit der Anthroposophie als einer wichtigen Form esoterischer Forschung in der Gegenwart.

7. Freies Christentum ist nicht eine besondere Religion oder Konfession, sondern: Christentum, verstanden als zugleich freiheitliche und ganzheitliche Religion. Der Bund für Freies Christentum betrachtet sich deshalb auch nicht als eine Glaubensgemeinschaft, die mit anderen - kirchlichen oder außerkirchlichen - Gemeinschaften konkurriert, sondern als ein Forum, auf dem sich Menschen der unterschiedlichsten Glaubensformen begegnen und sich gegenseitig fördern können. Vorausgesetzt wird nichts weiter als die Bereitschaft, in religiöser Erfahrung - nach Paul Tillich Erfahrung dessen, "was uns unbedingt angeht" - eine Sache von höchster Dringlichkeit zu sehen und die je eigene Religion immer aufs neue in Richtung auf die "Religion der Religionen" (Ulrich Mann) zu öffnen. Wer Mitglied im Bund für Freies Christentum ist, sucht solche Begegnung und gegenseitige Förderung und unterstützt im Rahmen seiner Möglichkeiten die Initiativen, die der Bund in seiner Funktion als Forum der Begegnung ergreift.

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Hanauer Sätze zur religiösen und kirchlichen Erneuerung

(aus: "Freies Christentum" Nr. 3, 1969)

Vorbemerkung
Der Bund für Freies Christentum - der Name drückt, wie wir selbst empfinden, nur in unzulänglicher, wohl auch missverständlicher Weise aus, was wir sind und wollen - hat in der Absicht, das, was uns, seine Mitglieder, bei aller Mannigfaltigkeit der Art doch fest zusammenschließt, in klare Sätze zu fassen, einen kleinen Ausschuss beauftragt, solche zu erarbeiten. Sie sollen nicht eine Bekenntnisformel, ein Grundgesetz für alle Zeiten sein, sondern eine Grundlage für die gegenseitige Klärung und Verständigung, auch für das Gespräch mit verwandten Gruppen. Sind wir doch der Meinung, eine engere Fühlungnahme der Menschen und Kreise, denen an der Erneuerung von Kirche und Volk, von religiösem und politisch-sozialem Leben gelegen ist, sei heute dringend erforderlich. In dieser Absicht legen wir die folgenden Sätze der Öffentlichkeit vor. Wir bitten um Prüfung, Äußerung und Weitergabe an solche, die für unsere Haltung Verständnis haben.
Rudolf Daur (Präsident des Bundes für Freies Christentum 1960-1970)

Im Bewusstsein unserer Mitverantwortung für Bestand und Zukunft des evangelischen Christentums treten wir für eine Erneuerung der Kirche in allen Bereichen ihres Wirkens ein. Wir meinen, dass nur ein gelebtes Christentum ohne Enge und Gesetzlichkeit in der Welt von morgen bestehen kann. In den letzten Jahren ist manche Forderung nach Reformen laut geworden. Es erfüllt uns jedoch mit Sorge, dass sich kirchliche Kreise, auch Kirchenleitungen, gegen unbequeme Erkenntnisse und Erfordernisse der Gegenwart immer wieder abzuschirmen versuchen. Sie hindern damit die Wirksamkeit des Evangeliums und versperren vielen den Zugang zu ihm.

1. Wir meinen, dass von Gott nicht anders als in ehrfürchtiger Zurückhaltung gesprochen werden darf. Die letzte Wirklichkeit, aus der wir leben, lässt sich nicht in allgemein gültige Begriffe fassen. Worte, Bilder und Symbole, in denen wir von ihr reden, können nur Hinweise sein auf das, was unser Leben trägt und bestimmt.

2. Wir meinen, dass die Bedeutung der Gestalt Jesu in heute verständlichen Begriffen zum Ausdruck gebracht werden muss. Viele Bekundungen aus Vergangenheit und Gegenwart erweisen, dass in der Begegnung mit ihm die liebende Zuwendung und der fordernde Anruf Gottes erfahren werden. Lösende und heilende Kräfte gehen von ihm aus, er weckt Hoffnung und Zuversicht, er ruft zu vorbehaltloser Menschlichkeit. Das Geheimnis seines Wesens und Wirkens, seines Leidens und seiner Todesüberwindung wird niemand ergründen. Die Versuche, das Besondere in seiner Erscheinung symbolhaft auszudrücken, haben immer wieder Sinn und Recht. Die Ergebnisse solcher Versuche dürfen nicht als "ewige Wahrheit" missverstanden und zum Glaubensgesetz gemacht werden.

3. Wir meinen, dass die Bibel bei aller gebotenen Ehrfurcht in ihrer Geschichtlichkeit gesehen werden muss. Die noch immer weit verbreitete Meinung, die Bibel sei ein einheitliches Buch, das "immer recht hat", ist verhängnisvoll. Die Kirche weiß, dass die Bibel eine Sammlung sehr verschiedenartiger und verschiedenwertiger Überlieferungsstücke aus anderthalb Jahrtausenden ist und dass viele ihrer Aussagen - auch in den Evangelien - wesentlich voneinander abweichen. Was die Kirche aber weiß, soll sie auch sagen. Nur dann ist sie glaubwürdig.
Dies gilt auch für die Bezeichnung der Bibel als "Gottes Wort". Sie enthält menschliche Bezeugungen dessen, was Menschen als an sie ergangenes "Wort Gottes" erfahren haben, und was anderen zu einem an sie ergehenden "Wort Gottes" zu werden vermag. Aber sie ist nicht als solche "Gottes Wort", zumal Gottes "Reden" zu Menschen auch anders als durch die Bibel geschehen kann.

4. Wir meinen, dass die Kirche zu dem stehen soll, was als Ergebnis theologischer Forschung vorliegt. Sie soll den Mut haben, daraus Konsequenzen zu ziehen. Wenn ein Pfarrer seine Gemeinde wider besseres Wissen in der Meinung hält, "Schrift und Bekenntnis" könnten noch in der gleichen Weise wie etwa vor 400 Jahren verstanden und verbindlich gemacht werden, so ist dies ein unwahres und unwürdiges Verhalten.

5. Da die überlieferten kirchlichen Bekenntnisse ein überholtes Weltbild und Weltverständnis voraussetzen und nur noch mit Hilfe verwickelter Gedankengänge gedeutet werden können, erscheint es uns untragbar, Christen auf deren Wortlaut zu verpflichten. Dies gilt ebenso für die altkirchlichen wie für die reformatorischen Bekenntnisse, vor allem aber für das so genannte "Apostolische Glaubensbekenntnis", dessen Wortlaut seit Generationen ungezählte Christen an der inneren Zustimmung zu ihrer Kirche und an der Teilnahme an deren Gottesdiensten gehindert hat. Die Kirchen sind der Apostolikumsfrage immer wieder ausgewichen; sie haben die Beibehaltung des Apostolikums durch Verfügungen reglementiert.


6. Die geforderte Verpflichtung auf dieses Bekenntnis, auch schon das Verlangen, dass es von der gottesdienstlichen Gemeinde, von Eltern und Paten bei der Taufe oder von den Konfirmanden gesprochen werden soll, muss alle, die es nicht bejahen können, entweder innerlich belasten oder aber zu Unaufrichtigkeit und Gleichgültigkeit verleiten.
Es sind manche Versuche unternommen worden, in neuen Sätzen in der Sprache unserer Zeit zu sagen, was für uns lebendiger evangelischer Glaube ist. Kirchenleitungen, Synoden und Gemeindevertretungen sollten solche Versuche ermutigen und unterstützen. 6. Wir halten eine gründliche Umgestaltung der kirchlichen "Agenden" und anderer für die sonntäglichen Gottesdienste, für Taufen, Trauungen und Bestattungsfeiern vorgeschlagener Gebete und liturgischer Formeln für dringend erforderlich. Die in ihnen gebräuchliche Ausdrucksweise ist für viele heutige Christen schlechthin unerträglich. Auch vom Inhalt her ist vieles fragwürdig geworden.

7. Wir meinen, dass in ein für unsere Zeit bestimmtes evangelisches Gesangbuch solche Lieder - und Liedstrophen - aufgenommen werden sollten, denen der Singende innerlich zustimmen und die er als Ausdruck seines Glaubens empfinden kann. Darum erscheint uns eine durchgreifende Sichtung und Überarbeitung der überkommenen Texte unbedingt geboten. Wir begrüßen alle Bemühungen, wertvolle Texte und Melodien aus unserer Zeit der Gemeinde vertraut zu machen.

8. Taufe und Abendmahl können in ihrem Symbolgehalt den Menschen in seiner Tiefe erfassen. Sie sind Hilfe und Bereicherung, nicht aber Bedingung und Voraussetzung christlichen Glaubens und Lebens. Der Zugang zum symbolhaften Geschehen darf nicht lehrhaft verbaut werden.

9. Eine Neuordnung von Konfirmation und Konfirmandenunterricht wird heute weithin vorgeschlagen und diskutiert. Sie sollte überall als Aufgabe von unaufschiebbarer Dringlichkeit begriffen werden. So wie der Konfirmandenunterricht heute noch immer üblicherweise erteilt wird, ist er offensichtlich eher geeignet, junge Menschen dem Christentum zu entfremden als sie in ihrer Kirche und Gemeinde zu verwurzeln.
Wir meinen, dass die wesentliche Aufgabe des Konfirmandenunterrichts nicht in der Vermittlung von christlichem Wissensstoff, sondern in der Hinführung zu einem mit innerer Überzeugung gelebten Christsein und in der Vermittlung echter Lebenshilfen zu suchen ist. Ein gründliches Eingehen auf die Situation der Jugendlichen, auf ihre wirklichen Fragen, auf die ihnen heute gestellten Probleme ist erforderlich.

10. Auch der Religionsunterricht in den Schulen bedarf einer neuen Planung und Gestaltung. Schon in der Grundschule sollte die Vermittlung eines vermenschlichten Gottesbildes und eines buchstäblichen Bibelverständnisses vermieden, in den oberen Klassen der Unterricht auf religionswissenschaftlicher Grundlage erteilt und der junge Mensch durch umfassende Information zu eigener Meinungsbildung und persönlicher Entscheidung befähigt werden.

11. Die Gemeinden sollten weniger von oben herab regiert als von unten her aufgebaut werden. Verantwortliche und entscheidungsfreudige Mitarbeit der Gemeindeglieder muss durch die "kirchlichen Ordnungen" mehr als bisher gefördert und eine lebendige Mannigfaltigkeit ermöglicht werden.


12. Den Angehörigen anderer christlicher Gemeinschaften sollte im Bewusstsein des Verbindenden in brüderlicher Weise begegnet werden. Entsprechend sollte eine kirchliche Trauung auch mit solchen Christen möglich sein, die weder der evangelischen noch der katholischen Kirche angehören.

13. Wir erstreben ein neues Verhältnis auch zu den nichtchristlichen Religionen. Wenn diese vielfach als bloßer menschlicher Wahn oder Irrtum abgetan werden, so erscheint uns dies als eine Anmaßung, die dem Geist Jesu widerspricht. Wir wollen nicht der Unverbindlichkeit Vorschub leisten; aber wie wir Christen den anderen Helfendes und Wegweisendes zu vermitteln haben, so können auch wir von ihnen lernen.

14. Wir meinen, dass es zu den Aufgaben der Kirche gehört, soziale und politische Verantwortung zu wecken. Die Kraft des Evangeliums muss sich in der Gestaltung menschlichen Zusammenlebens erweisen und bewähren. Die wachsende Not in allen Ländern der Erde geht alle Christen an. Nicht zuletzt ist es Sache der Kirche, die Gewissen wachzurufen. Dabei darf sie die Aufgabe der eigenen inneren Erneuerung, des Umdenkens und Umgestaltens nicht zurückstellen. Wenn die Kirche verstanden werden und in die Welt hinein wirken will, muss sie vordringlich ihre eigene Reform in Angriff nehmen.

Hanau, im November 1968


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